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Novemberblues auch im Dezember, die verdammte Atom-Angst und Lese-Hilfen

Aktualisiert: 20. Dez. 2022


Morgenstimmung an der Pfälzer Weinstrasse / Foto: privat, 12. November 2022

Mitte November habe ich meinen Geburtstag gefeiert, an einem Tag, der diesen typischen, Nebel verhangenen November-Blues hatte. Schließlich ist frau ein Jahr älter geworden, zum Glück natürlich. Aber das ändert nichts daran, dass ich - wie wohl die meisten an solchen Tagen - leicht melancholisch auf die letzten Monate zurück geblickt habe. Dabei wurde mir bewusst, dass mich seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine ein sehr lange verdrängtes Gefühl wieder begleitet: die Atom-Angst.

Zwar ist jetzt vor allem von der Winterkälte die Rede, die immer mehr Ukrainer:innen krank machen und mit dem Tod bedrohen wird. Doch auch die andere Bedrohung bleibt, die seit Februar mal lauter, mal leiser aus Russland zu vernehmen ist: Atombomben einzusetzen.


Das ließ mich öfters an Lise Meitner denken (die übrigens im selben Monat wie ich geboren wurde: am 9. November 1878 in Wien). Schließlich galt die Physikerin, deren Lebensgeschichte ich aufgeschrieben habe, lange Zeit als „Mutter der Atombombe“ – kein schöner und dazu ein „falscher“ Titel (wie in einem EMMA Artikel von mir nach nachzulesen ist ). Denn am Bau der ersten Atombombe im us-amerikanischen Los Alamos, beteiligte sie sich nicht. Nachdem die Jüdin den Nazi-Schergen gerade noch entkommen konnte, hatte sie im schwedischen Exil im Januar 1939 die Kernspaltung (die nach jahrelangen Forschungen mit Otto Hahn und Fritz Strassmann in Berlin 1938 gelungen war) „nur“ physikalisch erklärt. Doch das ebnete den Weg zum Bau der Bombe.



Danach habe sich ein „Wettlauf in der Konstruktion todbringender Waffen“ entwickelt, beklagte Lise Meitner. Bis an ihr Lebensende forderte die Physikerin eine internationale Kontrolle, weil Atombomben „den Untergang der ganzen Menschheit“ bedingen können, aber “wir wollen hoffen, dass Vernunft und Rechtsbewusstsein den falschen Weg ausschließen werden". Es kam anders: Vernunft passte nicht in die Zeit des Kalten Krieges. Der Begriff „Atom-Angst“ prägte die 50er-Jahren und erlebt nun, im Jahr 2022, sein Revival.


Wenn ich Angst empfinde, hole ich mir zu Beruhigung gerne Lese-Hilfe. Deshalb habe ich nach langer Zeit in meiner Meitner-Biografie den Exkurs Zur Geschichte der Atombombe gelesen. Der Text endet mit einem Apell aus dem Jahre 1945, keinen atomaren Rüstungswettlauf zu starten und alle Atomwaffen zu bannen. Nur das mache die Welt sicherer. „Keine Regierung – egal welcher Art – darf Atombomben besitzen“, das ist auch 77 Jahre später das erklärte Ziel der International Campaign to Abolish Nuclear Weapons, die vor nur fünf Jahren den Friedensnobelpreis 2017 erhalten hat. Aber das scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Doch wann, wenn nicht jetzt, muss genau das wieder lautstark gefordert und auf die (außen)politische Agenda gesetzt werden!

Die deutsche Sektion der ICAN äußerte sich zwar Anfang November zu den nuklearen Drohgebärden Putins. Aber inmitten von Kriegsgeschrei und der immer lauter werdenden Forderung, mehr Waffen an die Ukraine zu liefern, blieben deren Vertreter:innen in den unzähligen Ukraine-Krieg-Zeitenwende-Talkshows unsichtbar und damit ungehört. Stattdessen fanden in Zeiten dieses neuen heißen Krieges kühle Diskussionen über den Wirkungsradius „taktischer Atomwaffen“ statt.

Und weil das zum Fürchten ist, las ich wieder etwas nach: dieses Mal den Göttinger Apell aus dem Jahr 1957. Darin warnten führende Atomforscher, darunter Meitners Kollege Otto Hahn, nicht nur vor einer atomaren Aufrüstung der Bundeswehr, sondern sie kritisierten die Adenauer-Regierung heftig, weil diese „taktische Atomwaffen als besondere normale Waffen“ verharmlose.

Verharmlosend, aber auch hilflos klingen heute in meinen Ohren die vermeintlich beruhigenden Worte zahlreicher Expert:innen: Putin drohe doch nur, und weltweit werde auf vielen Konferenzen – sogar von der Atommacht China – der Einsatz von Nuklearwaffen geächtet . Außerdem schließe der Kreml-Chef einen „atomaren Erstschlag“ aus. Doch genau das beruhigt mich nicht. Weil es ein hinterlistiges und gefährliches Argument ist, wie die Sicherheitsexpertin Claudia Major in einem Spiegel-Interview erklärt: Russland nutze das atomare Arsenal nicht länger, um ein "Gleichgewicht der Kräfte", letztlich ein Art Frieden zu sichern. Putins Atomwaffen seien zu einem Schutzschild geworden, um dahinter einen Eroberungskrieg führen zu können.


Diese verdammte Atom-Angst bleibt jedoch noch aus einem anderen Grund meine Begleiterin: Weil die Kernkraftwerke, die in der umkämpften Ukraine mitten in den Schusslinien stehen, nichts anderes sind als "schlummernde" Atombomben.

Wann, wenn nicht jetzt, muss an Tschernobyl erinnert werden. An die nukleare Katastrophe im Jahr 1986, deren radioaktiven Fallout der Wind auch nach Deutschland trug. Damals wagten sich befreundete Familien mit Kleinkindern auf keinen Spielplatz mehr oder flohen in den Süden.

Seite Ende November nehmen aus Russland „gezielte Angriffe auf die zivile Infrastruktur“ der Ukraine zu. Nichts anderes sind auch die AKWs, deren Personal schon lange unter Stress, am Limit und zwischen allen Fronten arbeitet. Der menschliche Faktor ist als Ursache des größtmöglichen Unfalls (GAU) die größtmögliche Gefahr; zum Super-GAU wäre es dann nicht mehr weit.

Davor warnt die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) seit langem und inspiziert die atomaren Anlagen regelmäßig, zuletzt am 2. Dezember das größte europäische AKW in Saporischschja. Das Fazit der Fachleute: Aktuell sei alles im Griff. Die Einrichtung neutraler Zonen unter internationaler Kontrolle werde weiter verhandelt. Entwarnung sieht anders aus. Den Newsletter der IAEA habe ich inzwischen abonniert, um wenigsten ungekürzt deren Informationen zu erhalten.


Wie schon gesagt: Wenn ich Angst empfinde, lese ich dagegen an. Und deshalb suchte und fand ich meine kleine Hiroshima- Reportage wieder, die den Titel „Eine Kette aus Papierkranichen“ trägt, die inzwischen weltweit als Friedenssymbol gelten. Warum ist auch in dem Text nachzulesen, in dem ich von meinem bewegenden Besuch in der japanischen Stadt erzähle, die am Ende des zweiten Weltkrieges von der allerersten Atombombe verwüstet wurde. Abgedruckt wurde der Bericht im „Mädchenkalender 1988“, genau am 6. August. Das ist der Tag, an dem 1945 die erste Atombombe auf Hiroshima fiel. Der Tag, an dem bis heute der alten und neuen Opfer gedacht wird. Denn noch immer sterben und leiden Nachkommen der ersten verstrahlter Menschen an den Folgen dieses gigantischen „Menschenversuches“.

Unvergessen: Besucherstempel aus Hiroshima, Japan Mitte der 1980er-Jahre

Die abgeworfen Bombe trug den zynischen Namen Weise „Little Boy“, die heutigen Waffen sind dagegen fette Männer. Nach einem atomarer Knall in der Ukraine – ob durch Waffen oder einen AKW-Zwischenfall verursacht – bliebe ein verseuchtes Niemandsland zurück, von dem das heutige Tschernobyl eine kleine Ahnung vermittelt. Ein Danach, ein fast normales Leben, wie ich es Mitte der 1980er-Jahren in Hiroshima erleben konnte, würde es in Odessa, Charkiw oder Kiew und anderswo so schnell nicht wieder geben.


Der leicht hoffnungsvolle Ton des kleinen Hiroshima-Textes hatte kurz meinen November-Blues aufgehellt, der jedoch fest an meiner Seite blieb und auch im Dezember nie ganz verschwand. Und weil Blues und Jazz verwandt sind, empfehle ich als Lese-Hilfe in diesem letzten Monat des Jahres „Die Erfindung des Jazz im Donbass“. Der Roman ist eine Herz erwärmende Lektüre in den immer kühleren Zimmern, weil dieses Buch das Leben feiert. Geschrieben wurde es von dem ukrainischen Autor, Musiker und diesjährigen Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, Serhij Zhadan, und zwar bereits vor zehn Jahren, kurz bevor der Osten seines Landes zum ersten Mal überfallen wurde.

In seinem neuesten Werk „Der Himmel über Charkiw“ lässt Zhadan uns in einem Tagebuch aus Facebook-Eintragungen an Gefühlen teilhaben, die sich in diesen Kriegszeiten wie auch im Blues Bahn brechen: Verzweiflung und Hoffnung, Trauer, Wut und Widerstand, aber auch Solidarität und ein großer Überlebenswillen. So kann selbst in einem kalten und bedrohlichen Winter der graue Himmel manchmal blau erstrahlen.

Ein Hoffnungsschimmer, zu dem das folgende Zitat von Nina Simone (1933-2003) passt. Diese wunderbare Jazz-Ikone und Blues-Sängerin schrieb - lange vor der Bewegung black lives matter - in ihrer Autobiografie: What kept me sane was knowing that things would change, and it was a question of keeping myself together until they did.


Aber bis sich etwas ändert - der Frühling wieder da und der Krieg mitten in Europa gar beendet ist -, hilft das von ihr gesungene Lied Feeling-Good dabei, durch diese düstere (Winter)Zeit zu kommen: Weil immer wieder "eine neue Morgendämmerung, ein neuer Tag, ein neues Leben" beginnt, die uns aufrichten.

In diesem Sinn: Eine friedliche Weihnachtzeit und einen guten Start ins das neue Jahr, bis wir uns Anfang Januar 2023 hoffentlich wieder sehen, genauer: wieder lesen.


Charlotte Kerner

 

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2 Comments


Charlotte Kerner
Charlotte Kerner
Dec 16, 2022

Lieber Knut,

danke für deinen Kommentar, der mich darin bestärkt hat Erinnerungsarbeit zu leisten, auch wenn mir einige BLOG-Leser:innen via WhatsApp oder Mail schon geschrieben haben , der BLOG sei keine leichte Kost zum Jahresende. Manches darf aber nicht in Vergessenheit geraten, und das Ende ist doch optimistisch: Also Feeling good hören. Herzlich Charlotte


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Liebe Charlotte, aus Interesse habe ich mir erlaubt, den an Denise gerichteten Blog zu lesen.

Vielen Dank für Dein Engagement!

Wusste auch nicht, dass Du die Lebensgeschichte von Liesel Meitner zusammen dargestellt u. festgehalten hast. ---

Die Angst vor einer radioaktiven Verseuchung, unter welcher Veranlassung auch immer, dürfte wohl jeder denkende Mensch haben, nur welche Konsequenzen daraus bezügl. seines eigenen Tuns u. Kommunizierens gezogen werden sollten, könnte wegen mangelnden individuellen Handlungsvermögens nicht beantwortet werden. ---

Deinen Blog mit dem Hinweis auf Hiroshima werde ich an eine unsrer gleichaltrigen Freundinnen, die selbst in Japan geboren ist und inzwischen auch seit Jahrzehnten in Lübeck wohnt, weiterleiten.--

Was das schreckliche Schicksal der Juden in der NS-Zeit angeht, musste ich heute an sie denken,…


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